16 Personen und drei Handwagen
Flucht aus dem Osten
eine Familie flüchtet von Danzig nach Niedersachsen
Danzig gehörte in dieser Zeit nicht zu Deutschland, sondern war 1919 nach dem ersten Weltkrieg zum zweiten Mal in seiner Geschichte (das erste Mal nach Napoleons Feldzug gegen Preußen und dem Frieden von Tilsit im Jahre 1807 bis zum Jahre 1814) zu einem Freistaat erklärt worden.
Die Polen hatten zwar Danzig für sich reklamiert - weil aber die Bevölkerung zu über 90% deutsch war, hat man davon abgesehen Danzig zu
Polen zu schlagen und die Freistaatsidee umgesetzt, um den Polen dadurch endlich einen großen Hafen zugänglich zu machen.
Danzig war also ein eigener Staat; stand aber unter Aufsicht eines vom Völkerbund bestellten "Hohen Kommissars" und gehörte zum polnischen Zollgebiet. Die Stadt wurde auch außenpolitisch von Polen vertreten. Die Eisenbahn unterstand den Polen. Hafen und Wasserwege wurden von einem paritätisch besetzten deutsch/polnischen Ausschuss kontrolliert.
Ins "Reich" (so hieß dass bei uns ausgegliederten Deutschen) gab es keine Straßenverbindung; alle Anträge der Danziger, eine solche Verbinndung durch den sogenannten "polnischen Korridor" (ein Teil Hinterpommerns bis zur Ostsee mit dem Hafen Gdynia, zu deutsch: Gotenhafen) zu genehmigen, wurden von den Polen abgelehnt. Allerdings konnte man mit dem Zug nach Deutschland (ins Reich) fahren.
Mein Vater fing als junger Ehemann als Geselle im Geschäft seines Vaters an zu arbeiten.
Die Zeiten war in Deutschland wirtschaftlich schlecht - und im kleinen Freistaat Danzig waren sie noch schlechter als im "Reich".
Hitler wollte die Danziger enger an sich und seine Politik binden und führte deshalb z.B. im "Reich" Projekte für Arbeitslose aus Danzig durch. Unter Gestellung des Materials durch den Staat bauten dann die Deutschen aus Danzig Siedlungen im Reich. Mein Vater und viele andere Danziger bauten eine solche Siedlung in Eilenburg, Kreis Delitzsch in Sachsen. Als die Häuser bezugsfertig waren zogen wir im Oktober 1938 (inzwischen waren auch meine beiden Schwestern Renate * 09.11.1935 und Karin * 22.03.1937 zur Welt gekommen), nach Sachsen.
Mein Vater fand zunächst Arbeit bei landwirtschaftlichen Kultivierungssprojekten, wurde dann aus Witterungsgründen im Spätherbst arbeitslos und erfreulicherweise gegen Weihnachten 1938 bei der Reichspost als Postkraftwagenführer eingestellt.
Meine Mutter arbeitete stundenweise in einer Möbelfabrik. Wir drei Kinder wurden in der Zeit ihrer Abwesenheit oft von einer 14-jährigen Nachbarstochter namens Lore Pick beaufsichtigt.
Bei Kriegsbeginn am 01.09.1939 wurde mein Vater zunächst zur Feldpost eingezogen - und weil Danzig nun wieder zum Reich gehörte, zogen wir und mit uns eine ganze Reihe anderer Danziger Familien im Frühjahr
1940 zurück nach Hause. Wir waren nun 4 Kinder, denn am 04.09.1939 war mein Bruder Armin als erstes "Kriegskind" in der Siedlung in Eilennburg geboren worden.
Auch die Familie Pick war wieder nach Danzig gezogen, sie zählte zu unseren engeren Freunden. Insbesondere mit dem Sohn Werner, der ein Jahr älter als ich war, verband mich eine enge Freundschaft.
An Eilenburg habe ich nicht allzu viele Erinnerungen. Eine ist die, dass ich sehr krank wurde und mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus musste. Wegen Platzmangels in der Kinderabteilung kam ich zu den Männern, die mich damals knapp 5-Jährigen tüchtig verwöhnten.
Eine andere Erinnerung ist die, dass in der Nähe unserer Siedlung große Kiesgruben lagen, die sich hervorragend zum Spielen eigneten.
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