Dies ist der Anfang der ersten phantastisch-realistischen Erzählung, deren Titel auch als Überschrift der ganzen Sammlung dient. Es geht hier um den Tod, der in einem kultivierten Rahmen von tiefen menschlichen Emotionen begleitet – absichtlich herbeigeführt wird. Heute noch ein Sakrileg. Doch ein Schatten in der sozialen Entwicklung in Europa ist schon erkennbar. Eindunkler Schatten. In den fiktiven Schilderungen der 17-jährigen Mona M. dagegen ist das Drama von kultureller Reife, Respekt, Verständnis und Liebe überstrahlt.
Der Todestag
Eine Dokumentation; Deutschaufsatz der Mona M.
Darin je ein Interview mit dem Euthanasie-Unternehmer Leonardo Rossi,
dem Historiker Prof. Dr. Hypolite Werner-Kraus und der Biologin Anna Leone
Der Sommer war schön, Gott sei Dank: Junge Katzen im Mai, Blütenmeer auf den mannshohen Sträuchern vor dem Haus, zehn neugeborene Schafe, von denen nur eines von der Mutter verstoßen wurde, heiße Nächte, wilde Gewitter, dampfende Erde, der Duft von frisch gemähtem Gras, eine Nachtigall im Park, schläfrige Nachmittage mit Grillengezirpe und sinnliche Abende mit geröstetem Knoblauchbrot, Buttermilch, Glockengeläut und dem Geruch von verbranntem Laub.
Und trotzdem: Es war alles anders in diesem Sommer.
Es begann bei einem Frühstück auf der Terrasse Anfang Mai. Vater, Mutter, Bruder Toto, Großmutter und ich saßen am Tisch. Geschirrgeklapper, Vogelgezwitscher, kein Wort. Plötzlich sagte Mutter, offenbar gänzlich in Gedanken: „Dieses Jahr zu Weihnachten…“ und brach erschrocken ab.
Wir fuhren hoch und starrten entsetzt auf Großmutter, die ebenfalls aufgehört hatte zu kauen und in sich zusammengesunken am Ende des Tisches saß. Niemand sagte etwas, auch Mutter nicht, es hätte nichts genützt.
Ich will es erklären: Seit ich denken kann, ist es mir wehmütig zu hören, was Freunde, bei denen ich zu Besuch bin, unternehmen würden, nachdem ich abgereist sei. Eben ohne mich. Und am Tod beunruhigt mich der Gedanke (unter anderem), dass meine Freunde und wer auch noch immer nach meinem Begräbnis am weiß gedeckten Mittagstisch sitzen und leise klappernd vermutlich goldgelbe Rindfleischsuppe mit Fadennudeln löffeln werden. Kein Blitz, kein Donner, kein Erdbeben, eben nichts.
Und ein ähnliches Gefühl hatte jedes Mitglied unserer Familie. Mein 15jähriger Bruder genauso wie meine Großmutter. Wir hatten früher einmal darüber gesprochen, als man noch darüber sprechen konnte. Über den Tod selbst sprachen wir nach wie vor. Aber seit geraumer Zeit schon, durch stillschweigende Übereinkunft, hat keiner von uns etwas von seinen Plänen nach dem 30. September gesagt. Dem Todestag der Großmutter.
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