Jetzt kommt iTunes für Texte

19.05.2010 - von Wolfgang Michal | CARTA

Nach Songs und Filmen sind jetzt die Texte an der Reihe: Auf die Plattform scribd.com können Autoren eigene Bücher, Artikel, Forschungsberichte oder Seminararbeiten hochladen. Die Software iPaper transformiert ihre pdf-, Word- oder PowerPoint-Dokumente dann problemlos ins Web. War Scribd – nach eigenen Angaben – bislang die größte „social publishing company“ der Welt, die das Publizieren für jedermann verbilligen und „demokratisieren“ wollte, so wird sie nun, in einem zweiten Schritt, Texte von Autoren und Verlagen auch verkaufen. Scribd tritt damit in Konkurrenz zum Online-Buchhändler Amazon sowie zur Buchsuche von Google.

Mit seinen (angeblich) 60 Millionen Besuchern pro Monat und einem Textangebot von 35 Milliarden Wörtern (in bislang 90 verschiedenen Sprachen) wird das in San Francisco ansässige Portal bereits als „iTunes für Texte“ oder „YouTube for Print“ gehandelt. Genauso leicht soll es sein, einen (kostenlosen oder gekauften) Text in die eigene Website zu integrieren. Nach Angaben von Scribd wächst das Archiv täglich um 50.000 neue Texte. Wenn das neue Geschäftsmodell Erfolg hat, könnte es den Markt für Autoren radikal verändern.

Das Prinzip ist denkbar einfach. Jeder Autor kann eigene Texte auf die Plattform hoch laden, mit einem Preisschild (und eventuellem Kopierschutz sowie abgestuften Nutzungsrechten) versehen, und erhält dann pro Download 80 Prozent des Verkaufspreises auf sein Konto. 20 Prozent behält Scribd für sich. Wer also ein Buch für 3 Euro anbietet, kassiert pro Download 2,40 Euro. Das ist mehr, als er bei einem herkömmlichen Verlag erzielen kann (dort erhält der Autor in der Regel 10 Prozent vom Laden-Nettopreises).* Verlage wie Random House und Zeitungshäuser wie die New York Times sollen an Scribd bereits interessiert sein (um die Seite als Werbeplattform für eigene Produkte zu nutzen). Auch auf E-Reader und iPhones könnten die Texte bald geladen werden.

Mit Scribd bekommt die Text-Branche natürlich die gleichen Probleme, wie sie Musik- und Filmindustrie bereits haben: das praktisch aussichtslose Konkurrieren mit „Raubkopien“. Bestsellerautoren wie J.K.Rowling und Ken Follet haben bereits gegen illegale Uploads ihrer Werke protestiert. Doch Scribd will die rechtliche Situation durch die regelmäßige Prüfung der uploads in den Griff bekommen (das Weitergeben der Downloads gegen die ausdrücklichen Nutzungsvorgaben der Autoren können sie aber nicht verhindern).

Welche Folgen wird das neue iText-Modell haben? Können Bücher in Zukunft noch hohe Bezahl-Auflagen erzielen oder werden Hacker den Kopierschutz bereits nach den ersten Downloads knacken? Was wird aus Verlagen, Redaktionen, Lektoren, Autoren, Buchhändlern und Kiosken? Werden alle Texte künftig ungeprüft in die Welt gepustet? Wird es, außer der Quote, noch Qualitätsmaßstäbe geben? Wird aus Scribd eine Art Google-Textsuche und Werbeplattform für große Verlage? Wir wissen es nicht. Noch wissen wir es nicht. Auf jeden Fall wird Kurt Tucholskys alte Forderung: „Macht unsere Bücher billiger!“ eine ganz neue Aktualität gewinnen.

*Übrigens gibt es auch in Deutschland ein ähnliches Portal: Xinxii, der Berliner „Marktplatz für eigene Texte und Dokumente“, versteht sich als Vermarktungsplattform für Autoren und Verlage. Vor allem für solche, die den herkömmlichen Print-Weg – aus welchen Gründen auch immer – nicht gehen können wollen. Der derzeitige Download-Bestseller mit (laut Website) über 36.000 Abrufen heißt „Cool ohne Alk“. Wohl bekomm’s.






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